Meine grosse Reise 2019 /6
- Mein persönlicher Jakobsweg, 3'229.68 Km

Gesamtstrecke  216.41 Km

 

Woche 6
Wesselburenerkoog - Brunsbüttel -  Otterndorf -  Nordholz

YouTube:
https://youtu.be/Dg55oI__fSY

Sa 20. Juli 2019, Wesselburenerkoog

Heute ist ein durchzogener Tag. Das Wetter bewölkt, hält sich in Grenzen. Ich spürte, es lag was in der Luft. Was genau, wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht. Es war schön, im Campingwagen zu schlafen. Nach dem Mittag ging ich zum Damm und zum Meer. Beim Badestrand habe ich einige Aufnahmen gemacht. Hatte leicht schwermütige Stimmung, dennoch tat mir das gut. Auch das Wetter war schwermütig, aber dennoch schöne Stimmung. So am Meer zu sein, konnte ich meine Gedanken freien Lauf lassen. Mein ADHS machte sich zugleich bemerkbar, denn ich hatte parallele Gedanken. Für die, wo nicht wissen, was da ab geht, man muss sich vorstellen, dass wie 2 Filme nebeneinander gelegt werden. Dazu kommt noch, als würde man von einem Thema zum anderen springen und wieder zurück. Daher ist es in diesen Momenten schwierig für andere Leute, wenn ich erzählen würde.

Die Gedanken drehten sich um Auswandern, was mach ich hier, warum bin ich auf diesem Weg, Heimatgefühle, die ich hier irgendwie fühle, um das fortgehen zu müssen. Sollte ich den Rest der Woche noch hier bleiben, oder weder Morgen weiter fahren. Nein, bleibe noch hier, bei Andrea, oder doch nicht?  Ich fühle mich zerrissen. Was soll ich tun. Ich habe einfach keine Antwort darauf, aber so verwirrend es klingt, dennoch genoss ich gerade den Moment, mit all meinen Gedanken.

Die Blitznacht im Film ist eine Zusammenschnitt. Der gefilmte Zeitraum war insgesamt ca. eine halbe Stunde der Blitze und nur ein Teil der gefilmten Blitze zeige ich hier. In der Nacht gab es angeblich über 120‘000 Blitze. Ich sah nur einen Bruchteil davon aus dem Wohnwagen. In dem Moment war ich echt froh, nicht im Zelt übernachten zu müssen. Während der Wetter Flash Einlage war es Mäuschen stille. Wirklich man hörte nichts, kein Donner, der kam erst später.
 

So 21. Juli 2019, Wesselburenerkoog

Der Tag danach. Nach dem Aufstehen öffnete ich erst die Tür des Wohnwagens. Gespannt lugte ich hinaus, was würde mich erwarten. Fast schon enttäuscht sah ich, dass alles noch im grünen Bereich war.  Die Nachbarn kamen auch gleich aus ihrem Wohnmobil mit Vorzelt raus. bei ihnen hat es durch den heftigen Regen ins Vorzelt gefeuchtet.
Es war noch recht windig. Ich schaute nach meinem Fahrrad und Anhänger. Da ich immer ein Regenüberzug fürs Fahrrad hatte, war ich angenehm überrascht, dass mehr oder weniger das Fahrrad noch trocken war. Lediglich eine Pfütze hat sich gebildet. Das meiste war noch abgedeckt. Auch der Tourenanhänger mit seiner wasserdichten Tasche und deren Material darin haben es gut überstanden. Nichts erinnerte mehr an die Sturmnacht ausser dass alles nass war. Beim Frühstück zubereiten hörte ich im Radio die Nachrichten. Es musste ein heftiges Gewidder durch Deutschland gezogen sein ( später nach meiner langen Reise zu hause sah ich eine Doku über das Unwetter und was es alles angerichtet hatte, echt heftig).  Das muss gewaltig getan haben. Der Tag selbst war dann auch ruhig. Ich ging am Deich entlang spazieren. Es war etwas bewölkt und die Stimmung war eigenartig, aber gut.
 

Mo 22. Juli 2019, Wesselburenerkoog
 

Heute lies ich es mir gut gehen. Natürlich wieder mit viel Gedanken im Kopf. Sass viel mit Andrea und Freunde zusammen oder half ihr bei ihrer Arbeit. Am Nachmittag fuhren Andrea und ich zum Einkaufen ins Nachbardorf.  Sie brauchte noch Lebensmittel. Wir sind dann noch Kleider kaufen, ich eine Fleece Jacke und ein T-Shirt. Unterwegs zurück teilte ich ihr auch mit, dass es Morgen wieder losfahren würde. Ja die schöne Zeit mit ihr ging zu Ende. Aber wir werden uns wieder sehen. Am Abend Kochte ich was feines. Danach packte ich meine Sachen zusammen, so dass ich morgen wenig zu tun hatte. Noch ein Spaziergang am Abend und genoss auf dem Deich den Sonnenuntergang!
 

Di 23. Juli 2019
 

Nun ist der Tag des Abschieds gekommen. Ich hatte zusammen gepackt und schob mein Long Trailer nach vorne zum Eingang. Andrea stand auch schon bereit. Der Abschied viel mir schwer, erleichterte es mir aber, da wir vor der Abfahrt noch was gemeinsam getrunken hatten und dazu rumblödelten. Der Abschied war sehr herzlich.

So, ich musste nun losfahren, ob ich wollte oder nicht. Einige Kilometer danach war es nur noch halb so wild. Das Wetter war traumhaft. Ich genoss jede Minute und der Tag respektive meine Reise sollte nie enden. Der Gedanke, zu schön um wahr zu sein.

Es war einfach herrlich, aufs Meer raus zu sehen. Aber ich freute mich auch auf Brunsbüttel, die Frau vom Campingplatz wieder zu sehen.

Rückblick: Nach einiger Zeit, ca. einer Stunde kam ich an dem Parkplatz vorbei, wo ich letztes Jahr in letzter Sekunde gerade noch einen Unterstand bei einem kleinen Häuschen fand. Danach fing es an, heftig zu regnen, aber auch nur für ca. einer Stunde. Dieses ist leider nicht mehr vorhanden. Aber die Erinnerung ist schon schön (siehe Video). Ich hatte in der Zeit richtige Po-Schmerzen, da ich den ersten Tag zuvor meine normalen Unterwäsche anbehielt (schlief in Hamburg an der Elbe und konnte mich nicht umziehen). Daher hat sich beim Saum der Unterwäsche mein Hinter entzündet und so lernte ich Andrea in Wesselburenerkoog kennen. Wollte eigentlich weiter Richtung Husum fahren, welch Schicksal.

Der Tag war schön und … Einige würden sagen, man sieht immer das gleiche. Nein, es war schön, so wie es war.

Dann kam der Schicksals-Moment. Ca. 6 Km vor Brunsbüttel… ich hatte einen Platten hinten. Warum nur, konnte das nicht warten oder früher geschehen. Was hab ich getan… Naja, kein Problem. Alles abpacken, Rad umdrehen, Hinterrad raus, Schlauch wechseln, alles wieder „zusammen basteln“ , aufpacken und weiter geht’s.

Als ich auf dem Campingplatz Brunsbüttel ankam, der gerade unmittelbar hinterm Deich lag, erkannte mich die Frau gleich wieder vom letzten Jahr. So was von schön. Ich baute mein Zelt auf als ein junges Paar neben mir das Zelt aufschlug. Grüezi oder hallöchen? Nein Grüezi. Mir chömed vo de Schwiz (Schweiz). He so schön, und wo gönd ihr dure? Woher chömed ihr? Schön, dass es eu do ufe verschlage het.

Ja schweizer Dialekt, eine Halskrankheit. Aber wir unterhielten uns etwas, dann kochten sie und ich auch. Ich sah dann, dass sie keinen Griff für die heissen Pfannen hatten und ich hatte einen übrig. Also schenkte ich ihnen einen: „das isch echt lieb vo deer, dange. Bruchsch en würklich nümme?“

Es ist schön, jemanden etwas gutes tun zu können. Nach dem Esseng ging ich duschen und danach über den Deich ans Meer, wo ich noch Fotos davon machte und von den Schafen. So liess ich den Abend ausklingen.
 

Mi 24. Juli 2019
 

Habe diese Nacht soweit gut geschlafen. Meine Luftmatratze ist nicht mehr viel Wert. Sie verliert so viel Luft, dass nach Mitternacht nur noch wenig darin ist. Zum Glück hatte ich diese Matte anfangs der Tour gekauft. Das macht es erträglicher und man gewöhnt sich auch daran. Bin in der Nacht aufgewacht, schnell aufgeblasen und gleich wieder eingeschlafen.

Als ich mich bei der Frau verabschiedete, sagte ich so nebenbei, bis zum nächsten Jahr. Sie meinte, es sei nicht sicher, ob es diesen Campingplatz noch gibt, da sie mit den Stadtpolitiker uneinig wegen Ausbau sei. Soll vorher doch anrufen oder Mail schreiben.

Dann fuhr ich los, Richtung Glückstadt. Ich war mir zu Beginn noch nicht sicher, ob ich bis Hamburg runter fahren soll, was mich reizen würde, oder eben bei Glückstadt auf die Fähre über die Elbe. Ich liess es auf mich zukommen.

Schon länger merkte ich, dass ich die Fronttaschen zu Beginn meiner Reise nicht nachhause senden hätte sollen, sollen hätte, wie auch immer. Uff schwerer Satz. Als ich in Brunsbüttel vor dem Nord-Ost-Kanal ankam, sah ich ein Fahrradhändler. Ich entschloss mich, neue Fronttaschen zu kaufen von Ortlieb. Die gefielen mir eh besser. So konnte ich mein Gepäck besser verteilen. Hatte eh zu viel. In Zukunft möchte ich weniger und leichteres Material mitnehmen. Dennoch war es eine gute Erfahrung. Danach ging ich auf die Fähre über den Nord-Ost-Kanal. Diese war kostenlos und wurde von der Rederei, so glaub ich, getragen.
Einige Kilometer nach Brockdorf musste ich den Fluss Stör überqueren, der in die Elbe mündete. Das interessante für mich war, dass gerade die Strasse hoch gezogen war, um ein Segelschiff in die Elbe zu lassen. Wenn man das nicht jeden Tag sieht, ist es eindrücklich zu sehen, wie sich die Strasse-Brücke oder wie man das nennt, sich herab senkt. Nachdem ich unten war, ging es nach knapp einen Kilometer nach unten wieder an die Nordsee. Ich konnte gerade noch so stark bremsen, denn eine Baumwurzel hatte die Fahrradstrasse so dermassen angehoben, dass ich wohl ein kaputtes Rad gehabt hätte, wenn ich darüber gefahren wäre. Liebe Baumwurzeln, wie wäre es, wenn ich tiefer unten die Strasse überqueren würdet?

Als ich in Glückstadt ankam und auf die Fähre wartete, ass ich beim Imbisstand ein Fischbrötchen. Wie lecker das schmeckt, ich werde euch zu Hause vermissen. Dann fuhr ich mit Vorfreude Richtung Bremer Hafen, wohl wissend, dass ich den noch nicht heute erreichen werde. Es war um 5 nach 5 Uhr, als ich am Fluss Oste ankam. Auch da war eine Strassen Senkbrücke, die hoch gezogen war. Hmm, kein Verkehr hier?. Ich stieg vom Rad, ging nach vorne und schaute auf eine Tafel… Öffnungszeiten von … bis 5 Uhr abends. So ein Mist, 5 Minuten zu späht. Ich ärgerte mich. Also musste ich alles zurück bis Balje fahren, was ein riesen Umweg bedeutete.

Nach kurzer Zeit meinte mein Navi, ich könnte auch den Feldweg nehmen, was einige Km weniger würden. Meine innere Stimme meinte, keine so gute Idee, ich meinte, doch eine gute Idee. Als ab nach rechts, über die Schotterstrasse. OK, die Schotterstrasse wurde nach einer kurzen Zeit zu einer dicken Sandstrasse. Links und rechts daneben Bauernfelder. Schieben war angesagt, fahren konnte man auf dem Sand nicht. Himmel noch einmal, nun kamen noch Traktoren vorbei mit Anhänger. Man kann sich denken, was geschah. Schell ein Tuch um den Mund und Nase, konnte kaum noch was sehen, als diese Vehikel vorbei fuhren. Ok, war doch keine so gute Idee. Die Zeit, wo ich verlor um zu schieben, hätte ich genauso Richtung Balje und die Umfahrung nehmen können. Zeit hatte ich keine Gewonnen, aber Staub und Sand hatte ich nun genügend dabei.

Endlich nach geraumer Zeit kam ich wieder auf die Strasse zurück. Ich war komplett verschwitzt, mit Sand und Staub voll geklebt und erschöpft. Dann ging es Richtung Otterndorf auf den Campingplatz. Was war ich froh, da angekommen zu sein. Nach dem Zeltaufbau musste ich erst mal duschen gehen, was mir schwer viel. Mein Wille war stark, mein Fleisch war schwach. Oder anders gesagt, ich war ausgelaugt.
Nach dem Duschen kamen wieder etwas Lebensgeister zu mir. Also noch was kochen und den Abend in meinem Campingstuhl geniessen…
 

Do 25. Juli 2019
 

Heute schien der Tag des Aua’s zu sein. Geschlafen habe ich gut. Doch als ich zusammen gepackt hatte und los fuhr, verspürte ich Schmerzen auf der linken Pobacken-Seite und links im Schritt. Zu Beginn war es noch nicht so tragisch. Ich fuhr die Nordsee entlang, mit dem Wissen, dass ich diese bald verlassen würde. Wehmut kam auf. Am liebsten würde ich stehen bleiben und einfach hier verweilen. Bringt nichts, ich sollte weiter fahren, was ich auch tat. Mein Blick schweifte immer wieder über die See.

Kurz vor Bremer Hafen war so ein Turm, wo man rauf steigen konnte. Ich machte hier rast, auch weil mein Po und im Schritt immer mehr Schmerzen aufkamen. So konnte ich es etwas ruhen lassen. Ich stieg hoch und genoss die Aussicht auf die Nordsee.

 

Doch mit der Zeit wurde es immer schlimmer. Die waren ziemlich schmerzhaft. Etwas Erleichterung konnte ich mir verschaffen, indem ich mehrheitlich eher rechts auf dem Sattel sass, so gut es ging. Doch auch das war auf Dauer unangenehm. Zu Beginn war ich, wohl auch deswegen, etwas gereizt und schimpfte. Doch ich beruhigte mich nach und nach und versuchte das Beste daraus zu machen. Zudem verfuhr ich mich und machte so ca. 8km mehr Fahrt.

Bei einer Nebenstrasse-Fahrradweg kam ich an Waldbeeren vorbei, die köstlich schmeckten. Lies es mir für kurze Zeit gut gehen, danach ging es weiter.

Nach 40 Km erreichte ich den in „not“ vorgesehenen Campingplatz Beckmann Nordholz, wobei das ja nicht mein Ziel war. Doch die Schmerzen waren zu stark beim Fahren. Ich konnte kaum noch sitzen. Auf dem Campingplatz angekommen, war ich so erleichtert. Ich bezog mein Platz und stellte mein Zelt auf. Dann ging ich duschen, was eine enorme Erleichterung war und genoss den restlichen Tag in meinem zerlegbaren Campingstuhl.  Am Abend kochte ich Reis mit Gemüse und genoss es sehr. Zum Glück konnte ich noch normal im Stuhl sitzen.  Nach dem Essen genoss ich den Abend und beim eindunkeln um 22 Uhr kroch ich ins Zelt. Erschöpft vom Tag schlief ich zufrieden ein.
 

Fr 26. Juli 2019
 

Bin heute gut aufgestanden. Spürte immer noch etwas Schmerzen im Schritt. Daher entschloss ich mich, noch einen Tag zu verlängern. Es war auch der Tag meiner persönlichen Entscheidung. Hab mich heute definitiv entschieden, länger zu fahren, als vorgesehen. Eigentlich wären meine „Ferien“ am Sonntag zu ende, doch ich muss „mein persönlicher Jakobsweg“ zu Ende bringen. Ich habe das Gefühl, einmal was zu Ende zu bringen müssen. Aus meiner persönlichen Reise habe ich neue Erkenntnisse gewonnen, die ich denke, wichtig für mich sein werde. Wie das sein würde, ich weiss es nicht.

Klar verunsichert es mich etwas, das ich mich über Regeln hinweg setze. Ich nehme deshalb auch allfällige Sanktionen in Kauf. Ich habe das Gefühl, im Leben muss man Entscheidungen treffen, die nicht gerade angenehm sind und dennoch einem weiter bringen. Ob das bei mir so sein wird, das wird die Zukunft zeigen. Doch der innerliche Drang, diesen Weg gehen zu müssen, ist so stark, dass ich mich dem nicht widersetzen kann und auch nicht möchte.
Die letzten Tage, besonders gestern und heute spürte ich, wie ich mich seit langem wieder mal eine Art zu Hause angekommen zu sein. Ich fühle mich frei.
In die Schweiz zurück zu kehren fällt mir sehr schwer und macht mich auch etwas traurig. Jeder Abschied von einem netten Campingplatz wie hier fällt mir nicht so leicht.

Gegen Mittag bekam ich Nachbarn, Eine Familie (Mutter, Vater, 2 Kinder), die neben meinem Zelt ihr Campingwagen aufgestellt hatte. Ich bot meine Hilfe an und half, das Vorzelt aufzustellen. Dabei kamen wir ins Gespräch, auch dass ich nebenbei Fahrräder reparieren. Er schenkte mir einen speziellen Stern-6-Kant-Schlüssel (3 verschiedene 6-Kant Imbus in einem). Den halte ich in ehren. Echt nett von ihm.

Ansonsten genoss ich den Tag. Es gab auch noch einen Kinderzirkus Aufführung, die von Campingplatz angeboten wurde. Dabei konnten sich Kinder melden und studierten Kunststücke ein, die sie heute gezeigt hatten. Echt süss.

Am Abend, vor dem Essen machte ich es mir noch an der kleinen Kiosk-Baar gemütlich und kam mit den Angestellten, deren Besitzer und auch ein Schweizer Paar ins Gespräch. Später zog ich mich zurück, kochte was und dann, na? Tag ausklingen lassen.
 

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